Foto (privat): Der BUND an der Ahr in Insul nach der Flut im August 2021; v.l. Sabine Yacoub, Mainz; Egbert Bialk, Koblenz und Andreas Owald, Bad Neuenahr-Ahrweiler
Die Katastrophenflut von 2021 im Einzugsgebiet der Ahr hatte den schmerzlichen Verlust von vielen Menschenleben und hohe materielle Schäden zur Folge. Die Hoffnung von verantwortlichen Politikern, von Wasserbauingenieure und von vielen Menschen zur Verhinderung einer weiteren Katastrophe dieser Art liegt seither auf den angedachten 17 Hochwasserrückhaltebecken, von denen vorrangig vier in der aktuellen Planung sind. Bei den gewaltigen Dimensionen der angestrebten Bauwerke kommen Natur- und Umweltverbände gemäß ihrem Selbstverständnis nicht ohne kritische Fragestellungen aus. Die BUND-Kreisgruppe Ahrweiler hatte Ende Februar zu einem BUND-internen Expertengespräch ins Dom-Café in Ahrweiler eingeladen. Referent war der Diplomgeograph Raimund Schüller aus Rheinbach vom Büro für Auen- und Gewässerentwicklung (AuGe), das seit vielen Jahren freiberuflich private und staatliche Aufträge zum Thema „Fließgewässer“ bearbeitet.
Eine historische Betrachtung des Ökosystems „Bach, Fluss und Aue mit seinen Bewohnern“ zeigt, dass es wald-geprägt war und auch noch ist. Kleine Gewässer bewegen sich von den oft bewaldeten höheren Lagen zu den Niederungen und natürlicherweise immer begleitet von Pflanzenbewuchs (Wälder, einzelne Baumgruppen und Bäume, Büsche sowie Sträucher), der Lebensraum einer hohen Vielfalt von Tieren und weiteren Pflanzen. In der Summe eine Naturlandschaft mit einem extrem hohen Potenzial an Rückhaltefähigkeit für stärkste Niederschläge.
Der Mensch begann schon vor über 1000 Jahren, dieses hervorragende System für Besiedlung, Verkehr und sonstige Bewirtschaftung zu verändern und letztlich zu zerstören. Und: Wir sind weiterhin dabei, eine der Ursachen für starke und schnell steigende Hochwasser zu schaffen, nämlich die fortschreitende Versiegelung!
Die Flächenversiegelung in Rheinland-Pfalz nimmt wieder zu und lag 2021 bei ca. 8,6 Hektar pro Tag, was weit über dem Ziel von unter einem Hektar bis 2030 liegt. Bis 2050 wird im Land ein „Netto-Null“-Flächenverbrauch angestrebt, um Bodenfunktionen zu sichern. (Statistisches Landesamt)
Für Schüller sind der Bau von Hochwasserrückhaltebecken im Einzugsbereich der Ahr und im vorgesehenen Maße weitgehend Bekämpfung der Symptome, nicht der Ursachen, nämlich der mangelnden Versickerung im Wald und auf Flächen in der Landwirtschaft. Zumal die angedachten Bauwerke das zweite große Problem, die häufiger drohenden Gefahren von ausgedehnten Trockenzeiten, nicht lösen können.
Winfried Sander vom BUND moniert als Geograph, dass die Anlage von größeren Auenwäldern zumindest an den Stellen im Bereich der Oberahr, wo Flächen zur Verfügung stünden, bisher nicht ernsthaft öffentlich angegangen worden sind. Damit könnten nach seiner Auffassung zumindest die gewaltigen Dimensionen der angedachten Bauwerke reduziert werden. Und damit die zu erwartenden Eingriffe in Natur und Landschaft und ihrer notwendigen Ausgleichsmaßnahmen. „Zudem würden auch die zu erwartenden sozial-ökonomischen Folgen für Menschen, die sich nach einer gewissen Zeit hinter bis zu 40 Meter hohen Dämmen wohl fühlen müssten, geringer werden“, ist das Sprechertrio der BUND-Kreisgruppe Ahrweiler, Stefani Jürries, Sabine Lembke und Simon Lang, überzeugt. Der BUND wird an dem Thema dranbleiben.
02_Foto_BUND an der Ahr in Insul nach der Flut im August 2021, v.l. Sabine Yacoub, Mainz; Egbert Bialk, Koblenz und Andreas Owald, Bad Neuenahr-Ahrweiler